Berichte aus der Seelsorge-Praxis

Eine Wegbegleitung auf Zeit

Renate Seger geht den  Stationsflur entlang. Vor einem Patientenzimmer bleibt sie stehen und klopft an die Tür. Als von innen leise ein »Ja, herein« zu hören ist, tritt sie ein. »Dass wir anklopfen, bevor wir ein Zimmer betreten, ist für uns sehr wichtig«, erklärt Pfarrerin Sabine Gries, die den Einsatz der Ehrenamtlichen in der Krankenhausseelsorge in München koordiniert. Schließlich seien die Zimmer für die Patienten ja in diesem Moment so etwas wie deren Wohnung. »Man geht ja auch nicht einfach zu jemandem nach Hause, setzt sich ungefragt auf dessen Sofa und zieht die Schuhe aus«, sagt sie.

Neben den Pfarrern und Pfarrerinnen, die oft in ökumenischen Teams zusammenarbeiten, sind an den Münchner Krankenhäusern 170 Ehrenamtliche wie Renate Seger im Einsatz. Die meisten von ihnen sind Frauen. Nur langsam wächst das Interesse von Männern am Besuchsdienst. Für einen Vormittag oder einen Nachmittag pro Woche sind die Ehrenamtlichen auf einer Station eines Münchner Krankenhauses unterwegs. Sie gehen von Zimmer zu Zimmer und fragen die Patienten, ob sie sich für ein paar Minuten mit ihnen unterhalten dürfen.

Viele würden ihr sofort einen Stuhl anbieten und anfangen zu erzählen. »Oft geht es dann gar nicht um religiöse Dinge. Es ist eher, dass man Zuwendung mitbringt und Zeit«, berichtet sie. Die Klinikseelsorge sei bei den Veränderungen im System »Krankenhaus « der letzten 30 Jahre so etwas wie eine Konstante, erzählt Sabine Gries: Als Ruhepol in der engen zeitlichen Taktung des Klinikalltags. Auch die Pfarrerin arbeitet beim Besuchsdienst mit. Gespräche über Sterben, Tod und Glauben gehören dazu – Themen, über die viele Patienten mit ihren Angehörigen nicht reden könnten.

Daneben steht Gries auf Abruf  bereit – »auch nachts, wenn jemand im Sterben liegt«. Wo immer es personell geht, macht die Klinikseelsorge eine 24-Stunden- Rufbereitschaft möglich. Was der Pfarrerin besonders wichtig ist: »Seelsorge ist immer mehr, als bloß am Krankenbett aus der Bibel vorzulesen – es ist eine Wegbegleitung auf Zeit. Wer ehrenamtlich in der Klinikseelsorge mitarbeitet, muss bereit sein, sich zu öffnen. Weitere Voraussetzung für die Ausbildung sind psychische Belastbarkeit, Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit christlichen, religiösen Themen und Kirchenzugehörigkeit. Interessierte werden zu einem Kennenlerngespräch eingeladen. Wenn das Engagement für beide Seiten denkbar ist, können die Interessierten mit der sechsmonatigen Ausbildung in der ehrenamtlichen Kranken-hausseelsorge beginnen. Auch später werden die Ehrenamtlichen fortlaufend begleitet. »Unsere Aufgabe ist ja, mit dem Leiden und den Sorgen der Patienten ein Stückchen mitzugehen«, sagt Renate Seger. 

Tobias Sollfrank (Sonntagsblatt)

Das bittere Leben

 

Die Stationsschwester hat mir den Besuch eines Patienten nahegelegt, dem es nicht so gut gehe, der keinen Besuch erhalte aber dringend Ansprache benötige.
Der etwa 70jährige  Franz  Wutzer liegt ziemlich apathisch in seinem Bett, wird während des ganzen Besuches zunächst  nur mit matter Stimme sprechen. Trotzdem scheint er sich über das Gesprächsangebot zu freuen. Er sei bereits vor drei Wochen an der Blase operiert werden, habe aber immer noch Schmerzen und sei sehr schlaff.

Nach einigen Sätzen über seine Beschwerden wechselt er das Thema und sagt: „Ich habe ja mein ganzes Leben nur Pech gehabt, es war kein schönes Leben, lauter schlimme Erlebnisse.“
Und was er nun mit traurigen Augen und stockender Stimme erzählt, macht mich als den Seelsorger vorübergehend sprachlos. Er berichtet von einem - unschuldigen - Gefängnisaufenthalt seines Partners; von einem Sohn, der wegen Drogen ebenfalls ins Gefängnis musste; von einer drogenabhängigen Tochter, von seiner Scheidung. Der einzige Lichtblick sei der zweijähriger Enkel – der ihn aber nicht besuchen dürfe. Und dann wieder: „Mein ganzes Leben war so schlimm und jetzt das.“

Ich bringe das Gespräch noch einmal auf den Enkel und frage, ob es nicht noch etwas gibt, an dem er Freude hat oder hatte. Nach kurzem Nachdenken scheint ein Ruck durch seinen Körper zu gehen. Und er erzählt mit zunehmend fester Stimme von einer ganz tollen Jugend, schildert, zunehmend begeistert, Eindrücke und Erlebnisse auf  Reisen in dieser Zeit

Als Seelsorger empfehle ich ihm, jetzt im Krankenbett diesen Erinnerungen so oft wie möglich nachzuspüren. Er lächelt, zum ersten Mal in den fast zwei Stunden des Gesprächs.
Bei einem Nachbesuch treffe ich den Patienten in wesentlich besserer Stimmung an - obwohl sich sein Gesundheitszustand noch nicht gebessert hatte.

Thomas Würz (Seelsorger)

 

 Die Namen von Patienten, Seelsorgerinnen und Seelsorgern und Klinikpersonal wurden geändert. Ebenso wurden die Fälle  so verfremdet, dass die Patienten nicht identifizierbar sind